Gelnhäuser Tafel - Meldung lesen

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(K)ein Grund zum Feiern

am 04.05.2017 in "Aktuelle Meldungen"

Gelnhausen (mb). Zehn Jahre Gelnhäuser Tafel – ein Grund zum Feiern? Eine Frage, bei der man zumindest geteilter Meinung sein kann. Das klang auch bei einigen Rednern der Jubiläumsveranstaltung gestern Abend im Main-Kinzig-Forum an. Einig waren sich jedoch alle in einem Punkt: Die Arbeit der Tafel und ihrer mehr als 500 Mitglieder ist nicht hoch genug zu bewerten.

„Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein soll“, sagte Landrat Erich Pipa anlässlich des Jubiläums zum zehnjährigen Bestehen der Gelnhäuser Tafel. Fest stand für ihn indes, dass es ein „toller Entschluss“ von Günther Rams, Michael Frischkorn und Walter Dreßbach gewesen sei, die Tafel vor zehn Jahren ins Leben zu rufen. 600 Bürger seien zur ersten Mitgliederversammlung gekommen, mit dem Anspruch, Verantwortung zu übernehmen und das Problem zu lösen.
Trotz der wertvollen Arbeit der Tafeln sei die Politik gefordert. Kommunen, Landkreise, Länder und der Bund, aber auch die Wirtschaft und gesellschaftliche Verbände müssten sich gemeinsam dafür einsetzen, Armut zu bekämpfen. Der Schlüssel dazu sei die Bildung, die wesentlich effektiver sei als nachsorgende Maßnahmen. Ein wesentlicher Baustein für bessere Bildung wiederum sei die Ganztagsbetreuung. „Vor dem ehrenamtlichen Engagement der Tafel habe ich den größten Respekt und gratuliere zu zehn Jahren Einsatz für die Bedürftigen in der Region“, sagte Pipa und überreichte eine Spende des Main-Kinzig-Kreises über 1000 Euro an Claus Witte, den Vorsitzenden der Gelnhäuser Tafel, der als Moderator durch die Feierstunde führte.
Witte bedankte sich bei Pipa für das Geld und die wohlwollende Begleitung in den vergangenen zehn Jahren. In Anspielung auf den nahenden Ruhestand des Landrats brachte er ihn als möglichen neuen Tafel-Vorsitzenden ins Gespräch. Witte betonte, dass es „der gemeinsamen Problemlösung durch Politik und freiwilliges Engagement“ bedürfe.
„Denn wer glaubt, dass es jemals Zeiten ohne Armut geben wird, ist ein absoluter Illusionist“, so Witte.
Thorsten Stolz, Gelnhäuser Bürgermeister und kommender Landrat, wollte der Gelnhäuser Tafel nicht gratulieren, sondern danken: „Für Ihr herausragendes ehrenamtliches Engagement und für das, was Sie in zehn Jahren aufgebaut haben“, wandte er sich an die Helfer. Mit ihren mehr als 500 Mitgliedern sei die kein kleiner Verein, sondern ein richtiges Unternehmen. Dabei versorge die Einrichtung 1200 Kunden, davon mehr als 300 Kinder. „Und genau das ist eben kein Grund zum Feiern“, sagte Stolz. „Die Zahlen muss uns vielmehr nachdenklich stimmen, zumal der Main-Kinzig-Kreis sicherlich kein Tal der Tränen, sondern eine sehr wirtschaftsstarke Region ist.“ Dennoch gebe es Menschen, denen die Rente oder die Grundsicherung nicht zum Leben ausreiche. Deshalb sei er unheimlich dankbar, dass es die Tafel mit ihren mehr als 400 Helfern gebe.
„Was Sie tun, ist gelebte Nächstenliebe. Sie geben den Menschen, die als Kunden und nicht als Bittsteller kommen, ihre Würde zurück“, betonte Stolz. Zum Schluss bemühte er ein Zitat von Konfuzius: „Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“ Stolz: „Sie haben viele kleine Lichter im Altkreis Gelnhausen angezündet.“
Claus Witte bedankte sich für die warmen Worte und gab das Lob zurück. Die Kommunen des Altkreises Gelnhausen hätten die Tafel immer gut unterstützt. Gleichwohl wies er darauf hin, dass die Organisation mittlerweile aufgrund des Zuwachses an Bedürftigen an die Grenzen ehrenamtlichen Engagements gestoßen sei. Er kündigte Gespräche mit Städten und Gemeinden sowie dem kommenden Landrat an, um gemeinsam zu überlegen, wie man die Arbeit der Tafel auf gesunde Füße stellen könne.
Walter Dreßbach und Günther Rams berichteten aus der Anfangszeit der Tafel. Die Idee, so Greßbach, hätten zwei Frauen an ihn als Leiter der neuen Ehrenamtsagentur des Main-Kinzig-Kreises herangetragen. Ein halbes Jahr lang habe er sich mit Strukturen, Grundzügen und rechtlichen Aspekten befasst. Günther Rams und Michael Frischkorn habe er mit ins Boot geholt, um auf ein größeres Netzwerk beim Aufbau der Tafel setzen zu können. „Im April 2007 hat sich der Verein gegründet, im Oktober gab es erste Ausgaben – wir haben die Tafel innerhalb eines halben Jahres aus der Taufe gehoben“, erinnerte sich Rams. Das sei nur aufgrund des großen Engagements der Mitglieder gelungen. „Das können nicht drei Männer alleine leisten. Wir haben den Taktstock geschwungen. Aber Ihr habt die Arbeit gemacht, Euch gebührt der Dank“, sagte er an die Adresse der zahlreichen Mitglieder. „Die Erfolgsgeschichte danach ist nur mit Eurer Hilfe gelungen, Ihr könnt stolz auf Euch sein!“
Rams verteidigte auch die Idee der Tafeln, die nicht unumstritten sind. Kritiker bemängeln, dass die Tafeln als Nothilfe den Druck reduzieren, die Ursachen der Armut reduzieren, durch die Bedürftigkeit erzeugt wird. Denen hielt Rams entgegen: „Wir nehmen niemanden etwas weg. Wir nehmen nur das, was sonst vernichtet werden würde, und geben es denen, die es nötig haben.“
Willi Schmidt, Vorsitzender der 55 hessischen Tafeln, brachte es abschließend gut auf den Punkt: „Wir freuen uns über den Anlass, dass die Gelnhäuser Tafel seit zehn Jahren besteht, nicht aber über den Grund, warum es Tafeln gibt.“ Jeden Tag seien zahlreiche Helfer im Einsatz für Menschen, denen es nicht so gut geht. „Zu dieser Leistung gratuliere ich Ihnen.“

 

GNZ (29. April 2017)

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